Manche Orte, die in den Kämpfen zwischen der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee in der Endphase des Zweiten Weltkrieges zerstört wurden, sind nach 1945 nicht wieder aufgebaut worden. Man kann nur darüber spekulieren, ob sie heute noch erhalten wären, wenn sie nicht Opfer der Kampfhandlungen geworden wären. Besonders hoch war der Zerstörungsgrad in den heftig umkämpften Gebieten der Neumark, dem östlichen Teil der Mark Brandenburg, sowie in Teilen Ostpreußens. Einige Teile Schlesiens sowie die meisten Gebiete Böhmens und Mährens hatten hingegen weniger schwerwiegende Schäden durch Kampfhandlungen zu verzeichnen.

Kriegszerstörungen hatte es auch im Westen Deutschlands gegeben. Bombenangriffe hatten hier sogar größere Schäden hinterlassen als im Osten. Allerdings bestanden im Westen der politische Wille und die demografische Notwendigkeit zum Wiederaufbau. Durch die ganz anders gearteten Bedingungen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten unterblieb der Wiederaufbau vieler Ortschaft en und zahlloser Bauwerke.

Auffällig ist, dass die allermeisten nach 1945 verschwundenen sudetendeutschen Orte in der Tschechoslowakei überhaupt nicht durch Kriegseinwirkungen beeinträchtigt waren. Der Untergang dieser Dörfer, Ortsteile und Kleinstädte hatte also Ursachen, die weitestgehend unabhängig von den Kriegsgeschehnissen waren.

Das zerstörte Königsberg, 1944.
Das zerstörte Königsberg, 1944. Nach der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 konnten angloamerikanische Bombergeschwader auch Ziele im äußersten Osten des Deutschen Reiches erreichen. In zwei Luftangriffen am 26./27. August 1944 sowie drei Tage später wurde die Königsberger Innenstadt stark zerstört. Insgesamt waren 360 viermotorige schwere Bomber der Royal Air Force vom Typ Lancaster am Bombardement der ostpreußischen Hauptstadt beteiligt. Die Zahl der Toten belief sich nach Schätzungen auf über 5.000, geschätzte 200.000 Menschen wurden obdachlos. Die britischen Flugzeuge hatten während des Angriffes kurzzeitig den Luftraum des neutralen Schwedens überflogen. Foto: Ostpreußisches Landesmuseum, Bildarchiv, Lüneburg I Fotograf: Fritz Krauskopf

Zinten – eine Stadt von 1313 bis 1945

Ostpreussen

Luftbild der Stadt Zinten vor der Zerstörung, 1930.

Luftbild der Stadt Zinten vor der Zerstörung, 1930.

Man erkennt die regelmäßige Stadtanlage, die für ost-deutsche Gründungsstädte typisch ist. Am 25. Februar 1945 fiel die Stadt in sowjetische Hände. So gut wie alle hier sichtbaren Häuser sind verschwunden.
Foto: Bildarchiv Heiligenbeil, Rheine

Gelände der ehemaligen Innenstadt von Zinten, 1991.

Gelände der ehemaligen Innenstadt von Zinten, 1991.

Am Standort des Fotografen befand sich die Brotbänkenstraße mit der Abzweigung Friesestraße. Der Marktplatz lag vorne links. Im Hintergrund die Ruine des Wasserturms und das bizarre Turmfragment der evangelischen Kirche.
Foto: Bildarchiv Heiligenbeil, Rheine

Zinten erhielt 1313 Stadtrechte. Die Kleinstadt auf regelmäßigem Grundriss hatte 1939 etwa 5.800 Einwohner. Im Winter 1944/45 hielten sich rund 20.000 Menschen hier auf: Flüchtlinge aus dem östlichen Ostpreußen und Ausgebombte aus Königsberg. Während der schweren Gefechte 1945 wurde die Stadt weitestgehend zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Es gibt zwar noch einen russischen Namen für den Ort – Kornewo – doch ist von der Stadt, wie sie vor 1945 bestanden hat, nahezu nichts mehr zu sehen. Kornewo besitzt auch kein Stadtrecht mehr. Es ist heute Teil der Landgemeinde Pogranitschnoje. Ziegel, Pflaster- und Grabsteine wurden größtenteils zum Wiederaufbau nach Königsberg (Kalinin-grad) und Leningrad (St. Petersburg) abtransportiert. Die Bahnstrecke, an der Zinten lag, fiel nach 1945 der sowjetischen Demontage zum Opfer.

Balga – ein letzter Brückenkopf zur Ostsee

Ostpreussen

Der Ort Balga auf einer Landzunge am Frischen Haff  wurde 1239 gegründet. 1945 war Balga einer der letzten Brückenköpfe der Wehrmacht in Ostpreußen. Von hier wurden noch bis Ende März 1945 Flüchtlinge und Soldaten in Booten über das Haff auf die Nehrung und von dort in Richtung Pillau evakuiert. Von Pillau fuhren noch bis zum 18. April 1945 Schiffe Richtung Westen. Die Zerstörung Balgas begann am 24. März 1945. Durch sowjetischen Beschuss mit Brandgranaten und den Abwurf von Phosphorbomben gerieten fast alle Gebäude in Brand. Starker Wind entfachte diesen zu einer riesigen Feuersbrunst. Weitere Raketenwerfer, sogenannte Stalinorgeln, verwandelten Balga am nächsten Tag in eine Mondlandschaft. Niemand dachte an die Bestattung der Toten. Im Morgengrauen des 29. März setzten die letzten deutschen Verteidiger mit Sturmbooten über das Haff  auf die Nehrung über. Zu ihnen gehörte auch der Hauptmann Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident. Damit endete die deutsche Geschichte Balgas nach 706 Jahren. Von hier aus waren bei Niedrigwasser noch jahrelang Fuhrwerke und Autos zu sehen, die bei der Flucht über das Eis 1945 eingebrochen oder von sowjetischen Fliegern bombardiert worden waren. Diesen Menschen war das Haff  zum Grab geworden.

Heute existiert Balga nicht mehr. Anstelle des Dorfes in der Oblast Kaliningrad befinden sich Wald und Heide. Von der Ordensburg und der Pfarrkirche, beides gotische Backsteinbauten, sind noch Architekturfragmente sichtbar.

Kriegsfischkutter (KFK) der deutschen Kriegsmarine
Kriegsfischkutter (KFK) der deutschen Kriegsmarine im Einsatz zum Flüchtlingstransport aus Ostpreußen über die Ostsee, 1945. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1972-092-05 I Fotograf: unbekannt.

Küstrin – das "Pompeji an der Oder"

Ost-Branderburg

In der ehemaligen Altstadt von Küstrin erinnern viele archtektonische Fragmente an die früheren Bewohner des Ortes
In der ehemaligen Altstadt von Küstrin erinnern viele archtektonische Fragmente an die früheren Bewohner des Ortes
In der ehemaligen Altstadt von Küstrin erinnern viele archtektonische Fragmente an die früheren Bewohner des Ortes

Stumme Zeugen der Vergangenheit.  
In der ehemaligen Altstadt von Küstrin erinnern viele archtektonische Fragmente an die früheren Bewohner des Ortes.
Fotos: Justyna Krzyzanowska

Küstrin – das "Pompeji an der Oder"

80 Kilometer östlich von Berlin liegt Küstrin an der Warthemündung in die Oder. Die Altstadt wurde nach den Kämpfen 1945 nicht wiederaufgebaut, sondern planiert. Das wüst liegende Areal wird nicht umsonst „Pompeji an der Oder“ genannt. Mit der Zerstörung endete eine 700-jährige Stadtgeschichte.

Bis 1945 erstreckte sich die Stadt, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, über beide Oderseiten. Seither gehört das Gebiet östlich des Grenzflusses als Kostrzyn zu Polen, der westliche Teil Küstrin-Kietz verblieb bei Deutschland.

Der Hohenzoller Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin machte Küstrin 1535 zu seiner Residenz. Italienische Ingenieure umgaben die Stadt mit modernen Befestigungsanlagen. Es entstand eine der stärksten Festungen in Mitteleuropa.

Ende des Zweiten Weltkrieges erklärte Adolf Hitler Küstrin zur Festung, die „unter allen Umständen“ zu halten sei. Die strategische Bedeutung der Stadt als „Tor nach Berlin“ war der deutschen und der sowjetischen Führung bewusst: Der deutsche Frontabschnitt bei Küstrin riegelte den direkten Zugang zur Reichshauptstadt ab.

In den erbitterten Kämpfen um Küstrin bis Ende März 1945 wurde die Stadt zu über 90 Prozent zerstört. Der sowjetische Brückenkopf bei Küstrin wurde wichtigster Ausgangspunkt der Roten Armee für die Schlacht um Berlin.

1939 hatte Küstrin 24.000 Einwohner. Nach der Vertreibung der letzten Deutschen wurde der in Kostrzyn umbenannte Ort zur „geschlossenen Stadt“ erklärt. Nur polnische Eisenbahner und Zöllner durften sich niederlassen.

1946 waren es ganze 634 Einwohner. Schließlich erfolgte eine Neubesiedelung der Neustadt. Heute hat die Stadt 18.000 Einwohner.

Die Ruinen der Altstadt wurden in den 1950er Jahren eingeebnet, verwendbares Baumaterial wurde fortgeschafft, wie es in der Überlieferung hieß, zum Aufbau von Warschau. Tatsächlich sind Tausende von Transporten nach Warschau gegangen, doch war der Hauptzweck der Demontage wertvoller Bausubstanz Gelegenheit für illegale Geschäft e, an denen oft  hohe Beamte beteiligt waren, war doch der Verkauf von Ziegeln eine der wenigen Einkommensquellen der neuen Verwaltung.

Von der Altstadt ist vor allem das Straßenpflaster erhalten. Vereinzelt sieht man auch verschüttete Kellereingänge, Fundamentreste, Bürgersteige, Bordsteinkanten und Gullys mit deutscher Inschrift. Treppenreste führen hier und da ins Leere. 2009 wurden Hinweistafeln aufgestellt, mit Fotos, die den Vorkriegszustand zeigen. Ein kleines Museum zeigt alles, was man im „polnischen Wilden Westen“ in den Schutthaufen und zusammengestürzten Kellern Küstrins gefunden hat: Granatsplitter, Stahlhelme, verbeultes Essgeschirr, verrostete Gewehre und Pistolen.

Die heutigen Bewohner der Neustadt nutzen das Gelände zu Spaziergängen. Besucher aus Deutschland kommen, um günstiger zu tanken und einzukaufen. Einige verirren sich gelegentlich in die ehemalige Altstadt.

Küstrin vor der Zerstörung.
Küstrin vor der Zerstörung. Das Luft bild zeigt die Küstriner Altstadt vor der Zerstörung 1945: Links die Vierfl ügelanlage des Schlosses, dahinter die evangelische Pfarrkirche, in der Bildmitte der große, rechteckige Marktplatz, vorn in der Mitte die Bastion Brandenburg, die bis an das Ufer der Oder reichte. Foto: Herder-Institut, Bildarchiv
Luft bild der ehemaligen Altstadt von Küstrin heute.
Luft bild der ehemaligen Altstadt von Küstrin heute. Foto: akg-images

PDF aus dem Ausstellungskatalog

Kriegszerstörungen

» Zinten – eine Stadt von 1313 bis 1945
» Balga – ein letzter Brückenkopf zur Ostsee
» Küstrin – das „Pompeji an der Oder“

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Kriegszerstörungen - 1